Der Tag wird zur Nacht – Kapitel 1

Vor einigen Tagen wurden aus dem Hochsicherheitsarchiv der Stadt einige Dokumente gestohlen. Sowohl von dem Dieb als auch von den Dokumenten fehlt jede Spur. Die Bewohner werden dazu aufgerufen ihre Fenster und Türen in der Nacht zu verriegeln und Obdachlosen keinen Unterschlupf zu gewähren, da sonst Gefahr bestehen würde als Komplize angesehen zu werden, wenn sich der betreffende Dieb in ihrem Haus aufhalten wird.

Elvira ließ ihr Exemplar der Tageszeitung sinken und starrte einen Moment aus dem weit geöffneten Fenster auf die belebten Straßen Gurdìals. Die fliegenden Händler priesen wie jeden Tag ihre vermutlich gefälschte Ware an und die Passanten unterhielten sich über das Tagesgeschehen, wie die Geburt des Prinzen bei einem kühlen Kaffee in der Sommersonne. In einigen Stunden würden diese Straßen in Panik und Chaos versinken. Die elegante, hochgewachsene Brünette las nachdenklich noch einmal die Zeilen durch und nahm einen Schluck ihres teuren Tees aus den besten Gegenden des Landes. Auch wenn Elvira einen reichen Diplomaten geheiratet hatte, war sie im Grunde noch eine armgeborene Frau und diese konnte die Aufregung schon spüren, welche in einigen Stunden in der Luft und auf den Gassen liegen würde. Just in diesem Augenblick betrat ihr Mann Arthur das Zimmer und wünschte Elvira einen guten Morgen. Sie erhob sich, holte ein Teeglas aus einem mit Schnitzereien verzierten Küchenschrank. Dann goss sie ihm etwas von dem kostbaren Gebräu ein und brachte es ihm. „Danke Schatz.“, sagte ihr Mann, welcher sich durch die schon schütter werdenden, schwarzen Haare strich und beugte sich vor, um Elvira einen Kuss zu geben. Er setzte sich an den kleinen Tisch am Fenster, stellte das Teeglas auf einem Korkuntersetzer ab und angelte sich die Zeitung von Elviras Seite des Tisches. „Gibt es irgendwelche Neuigkeiten über die Nacht?“, fragte er sie. „Nein Arthur, nichts, was uns direkt betreffen würde, aber aus dem Hochsicherheitsarchiv wurden Dokumente gestohlen. Selbstverständlich, zu dem Pech von allen, von allerhöchster Sicherheitsstufe.“ Elvira schüttelte betrübt ihr Haupt, ihre Ohrringe klirrten. „Ich kenne die Sicherheitsvorkehrungen, schließlich habe ich dort vor Jahren einige Zeit gearbeitet. Es ist mir damals unmöglich erschienen auch nur hinter die große Steinmauer zu kommen.“ Sie blickte ihren Mann an, der gerade aufmerksam den aufgeschlagenen Artikel über den Einbruch überflog. „Das klingt nicht gut.“ Arthur schaute seine Frau besorgt und mit gerunzelter Stirn an. „Du magst vielleicht die Sicherheitssysteme kennen, aber ich kenne einige der gelagerten Dokumente. Wenn diese in die falschen Hände geraten, wird das Land in Chaos versinken.“ Arthur strich sich über die hohe Stirn und fuhr sich schließlich durch die schwarzen, von grauen Strähnen durchzogene Mähne. „Ich muss sobald wie möglich zum Palast aufbrechen.“ Er stürzte seinen Tee mit einem riesigen Schluck hinunter und stand dann hastig auf. „Aber du musst noch was essen.“, protestierte Elvira schwach. Sie wusste, wenn es wirklich so dringende Angelegenheiten waren, wie Arthur sie beschrieben hatte, musste er gehen, ob mit oder ohne Frühstück. „Ich werde sicherlich im Palast etwas bekommen.“, versicherte er ihr, schon halb auf der Treppe nach unten zu den Stallungen. „Ich sehe dich heute Abend.“, rief Arthur seiner Frau noch zu, warf sich seinen braunen Mantel über die Schulter und dann war sein Haarschopf unter dem Treppenabsatz verschwunden.

 

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2 Gedanken zu “Der Tag wird zur Nacht – Kapitel 1

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