Der Tag wird zur Nacht – Kapitel 2

Besorgt stellte Elvira sein leeres Teeglas auf die Tonplatte neben der Feuerstelle und strich die Zeitung glatt. Arthur war ein Diplomat, einer der besten des Landes. Wenn es Scherereien mit den anderen Ländern geben sollte, dann würde er als einer der Ersten zur Stellung bezogen werden. Und Elvira würde ihn Tage bis Wochen lang nicht mehr sehen, da ihr Mann unter Arbeit begraben sein wird.

Geht es Ihnen gut, Madam?“, fragte eine der Dienerinnen Elvira. Diese schluckte kurz und nickte dann. „Bitte bringen Sie mir meine beste Lederkleidung. Es eilt.“ Die Dienerin nickte und huschte aus dem Zimmer, um dem Wunsch ihrer Herrin nachzukommen. Elvira selber begab sich in ihr Ankleidezimmer. Der holzvertäfelte Raum duftete nach Honig und Lavendel. In einer Ecke, hinter dunkelgrünen Schränken und einigen Tischen, voll mit Häckeldeckchen, stand eine schwere Holztruhe, die mit Eisen verziert war. Elvira stemmte mit einigen Mühen den halb verrosteten Deckel hoch und zog einen Umhang aus nachtschwarzem Samt hervor. Sofort nachdem sie den Mantel aus der Kiste geholt hatte, klappte der Deckel wieder zu. Es klopfte an der Tür und Elvira hörte die Schritte der Dienerin hinter sich. „Hier ist ihre beste Garnitur, Madam. Soll ich sie Ihnen noch reinigen oder beim Anlegen helfen?“ „Nein danke.“ Elvira schenkte der Dienerin ein schnelles Lächeln, nahm die Kleidung entgegen und schloss die Tür. Eilig schlüpfte sie in die enganliegende Hose, zog sich ein leichtes Stoffhemd an und zwängte sich in den ledernen Brustschutz. Dann ging Elvira schnellen Schrittes hinüber zu der Truhe und wühlte unter einigen weiteren Umhängen einen leichten, jedoch verzierten Dolch hervor, den sie in einen eigens dafür angefertigtes Fach in ihren Stiefel schob. Ebenso vier schmucklose Messer in genausolche Taschen in ihrer Hose und drei weitere schnallte die große Brünette sich jeweils um jeden Arm. Dann zog sie sich den leichten Umhang über und verließ federnden Schrittes das Haus.

Guten Tag Madame, kann ich Ihnen behilflich sein?“, fragte ein kleiner, dicklicher Mann mit rotem Gesicht und Halbglatze Elvira. Seine schmutzigen Ärmel waren geschäftig hochgekrempelt und in seiner Hand ruhte immer noch der Hammer, mit welchem er einige Minuten zuvor ein halbfertiges Schwert bearbeitet hatte. „Ich habe vor einigen Wochen bei Ihrem Lehrling eine Bestellung für ein zweischneidiges und wendiges Schwert aufgegeben, mit einer rissfesten Scheide.“, antwortete Elvira. „Ich bezahle gut.“ Sie beugte sich vor. „Marlec, ich benötige das Schwert wirklich dringend und es eilt.“ „Es ist schon fertig, Madame Elvira.“ Marlec drehte sich um und brüllte nach seinem Lehrling. „Und bringe das Schwert für Madame Elvira mit.“ Aus der Werkstatt ertönte ein Klirren und dann ein Scharren, dann tauchte der Lehrling auf, voll mit Ruß bedeckt und das Schwert hielt er mit Tüchern, damit er es nicht einsaute. Zwischen Ohr und Schulter balancierte er die Schwertscheide. „Hier Madame.“ Vorsichtig nahm Elvira ihm das Schwert ab und überprüfte es. Es war perfekt austariert. Der Griff war wunderschön mit Geschnörkel verziert, mit Leder überzogen und es lag toll in der Hand. Elvira nickte zufrieden, griff in ihren Umhang und zog ihr Portemonnaie hervor. „Hier und den Rest können Sie behalten, dass ist erstklassige Arbeit und danke, dass Sie es so schnell hinbekommen haben.“ Sie überreichte dem Schmied einige kleine Silbermünzen und eine Goldmünze. „Habe ich sehr gerne getan.“ Marlec lächelte, dann drehte er sich zu seinem Lehrling und verscheuchte ihn aus dem Raum. Dann beugte er sich zu Elvira und senkte seine Stimme: „Weshalb war es dieses Mal so eilig. Ich nehme nicht an, dass es ’nur so zur Sicherheit‘ ist, wie das letzte Mal.“ Elvira nickte und zog die Zeitung aus dem Umhang. Sie schlug die Seite mit dem Artikel über den Einbruch auf und breitete sie auf dem Verkaufstresen aus. „Hier, Arthur ist sofort zum Palast geritten.“ Marlecs Stirn runzelte sich und er strich sich besorgt über sein Kinn. „Das ist sehr beunruhigend. Ich denke, dass wir jetzt viel mehr Aufträge bekommen werden.“ „Das glaube ich auch.“ Elvira nickte. „Gehst du nach Kôlitan?“ Elvira nickte erneut. „Ich werde noch was für den Proviant besorgen und dann losziehen.“ Die große Frau steckte ihr Tagesblatt wieder zurück in eine der vielen Taschen des Mantels „Viel Glück.“ Nach Marlecs Äußerung und mit seinen Blick im Rücken verließ Elvira die Schmiede.

 

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