Staubige Luft

Die Sonne brannte schon seit dem Morgen auf dem Asphalt, sodass ich mich wunderte, wieso er nicht schon längst wieder flüssig geworden war. Die Autos unserer Nachbarn standen auf den selben Parkplätzen wie immer. Unbewegt. Es war viel zu heiß, um sich überhaupt aus dem Haus herauszuwagen. Meine Ma hatte meinen Geschwistern und mir mehrere Karaffen Limonade gemacht und hat sich dann in den Keller verdrückt, um dort zu meditieren oder weiß was ich was. Ich nahm einen Schluck, der zitronige Geschmack breitete sich sofort in meinem Mund aus und die Kühle erfrischte meinen Gaumen. Im Radio hatten sie gesagt, es sei der heißeste Sommertag seit fast einem Jahrzehnt. Mein Pa hatte heute früh lachend gesagt, dass sie das jedes Jahr behaupten und ist dann zur Arbeit gefahren. Unser Auto war das einzige, dass nicht auf seinem angestammten Parkplatz stand. Aber Pa arbeitete beim Fernsehen, bei unserem Nachrichtensender und da kann man sich nicht einfach Hitzefrei geben. Die Schule war zum Glück seit drei Tagen vorbei und ich hatte bisher nur im Zimmer gegammelt und meine Comics neu sortiert, die Schulsachen eingeordnet und im hintersten Winkel meiner Schreibtischschublade verstaut und literweise Limonade getrunken. Gestern Abend aber hatte ich mir vorgenommen heute etwas produktiver meinem Leben gegenüber zu sein und hatte eine Liste zusammengestellt, was ich heute tun könnte. Auf wirklich viele Dinge bin ich nicht gekommen.

  1. Endlich einen Sommerjob suchen
  2. Katie Summer von gegenüber um ein Date bitten
  3. Mehr Freunde finden

Die Anzahl meiner Freunde war tatsächlich mehr als überschaubar. Sie bestand sozusagen aus nur einer einzigen Person: Russ. Und der war über den Sommer mit seiner Familie nach Alaska geflogen, um seine Großeltern zu besuchen. Dort war es wenigstens kälter als hier. Mit Katie Summer war ich seit der Grundschule in einer Klasse. Sie hatte mondscheinfarbene Haare und kristallklare blaue Augen. Seit der Achten wissen auch die anderen Jungs, dass sie existiert und mit nicht wenigen von ihnen hatte Katie ein Date. Nur nicht mit mir. Sie lächelte mir auf den Schulfluren zu, wenn wir uns begegneten, auf dem Weg in unsere Klassen. Sie sagte Hi, wenn wir zufällig uns auf unserer Straße aufeinander trafen. Aber wir haben nie etwas zusammen gemacht. Nicht mal als Freunde, oder so. Ich seufzte und schaute an mir herunter. Meine dünnen, sonnengebräunten Beine steckten in einer dunkelgrünen kurzen Hose, die ich heute morgen wahllos aus meinem Kleiderschrank gezerrt hatte. Mein graues T-Shirt hatte keinen einzigen Fleck, obwohl heute schon der zweite Tag ist, an dem ich es trage und ich gestern auf meine kleine Babyschwester Chiara aufpassen musste. Das war echte Knochenarbeit und weder Ma noch Pa bezahlen meine Geschwister und mich für unseren Job. Heute war mein großer Bruder Jordan dran. Immer abwechselnd. Die anderen sind zu klein, um auf Chiara aufzupassen und Ma, ja, was Ma machte, würde mich auch brennend interessieren. Kurz warf ich einen Blick aus dem Fenster. Weder an der Wolkenkonstellation noch an der Sonne hatte sich etwas geändert und ich konnte nicht noch einen Tag hier bei heruntergelassenen Rollos herum vegetieren. Kurzerhand entschied ich mich dazu Punkt eins auf meiner To Do-Liste abzuhaken und einen Job zu finden, bei dem ich auch tatsächlich bezahlt wurde. Ich schlüpfte in meine Schuhe, die ehemals blau waren, doch durch den anhaltenden Regenguss aus dem vergangenen Monat nun nur noch schlammbraun sind. Dann warf ich mir noch einen Blick im Spiegel zu. Meine dunkelbraunen Haare standen wie immer vom Kopf ab, aber selbst Gel half bei dieser bestimmten Art von Genmix nicht. Das hatte ich schon sooft ausprobiert, aber nie hatten meine Versuche gefruchtet. Meine Hand griff nach der Türklinke und ich trat aus dem beschützenden Bereich meines Zimmers in das Schlachtfeld meiner drei kleineren Geschwister Anna, Damian und Lucas. Sie hatten das Haus in einen Kinderspielplatz verwandelt. Aber nicht erst heute, das hatte angefangen, als Damian, der Kleinste der Drei endlich laufen lernte. Ich stieg vorsichtig die Treppe hinunter und vermied so gut es ging auf Murmeln, Kassetten, CDs oder sonstiges Zeug zu treten, dass einen eventuellen Wutanfall auslösen könnte. „Ich gehe.“, brüllte ich nochmal ins Haus hinein, als ich an der Wohnungstür ankam, einen der Türschlüssel vom Haken nahm und einen Fuß nach draußen setzte. Aber der andere durfte nicht hinter her. Meine Mutter tauchte aus der Küche auf (sie war wohl doch nicht im Keller verschwunden), mit hochgezogenen Augenbrauen und fragte misstrauisch: „Wohin geht’s denn, Jonas.“ „Einen Job suchen, habe ich heute morgen doch schon angekündigt.“ Meine Ma passte auf mich besonders gut auf. Sie traute keinen siebzehnjährigen Jungen. Jordan hatte in meinem Alter seine Freundin geschwängert und das wollte Ma wohl nicht noch einmal haben. Aber hey, welche Freundin sollte ich bitte denn schon schwängern. „Okay, aber bis zehn bist du wieder daheim.“ Ich verzichtete, meine Mutter darauf hinzuweisen, dass ich wohl schon früher daheim sein würde und nickte nur. „Und nimm bitte dein Handy mit. Vielleicht brauche ich dich ja.“ Ich rollte innerlich mit den Augen. „Geht klar.“ Dann schloss ich die Tür hinter mir und atmete tief durch. Ein Fehler. Die schwüle, heiße Luft, staubig von dem permanenten Nicht-Regen füllte meine Lungen und ich musste husten. Wieso war ich auch so doof tief einzuatmen?

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