Lisim

Die Augen verschleiert vor Tränen versuchte er Halt zu finden – oder sie. Seine Gedanken kreisten, wieso jetzt auch er. Er hatte doch versucht normal zu sein, genauso wie all die anderen. Er hatte versucht in der grautönigen Masse von immer gleichen Barbies unterzutauchen – doch es war ihm nicht gelungen. Seine Augenlider brannten und er wischte die Tränen trotzig aus seinem Gesicht. Er sollte nicht weinen, Männer weinen nicht. Eine leise Stimme meldete sich in seinem Kopf: Dieser hier schon. „Sei leise.“, presste er zwischen zwei lautlosen Schluchzern hervor. Die Handballen drückte er sich an die Schläfen, im erfolglosen Versuch die Stimmen in seinem Kopf zum Schweigen zu bringen. Du bist so ein Idiot, höhnte eine andere, viel höhere Stimme. Geh mal unter die Dusche und besieh dir deinen Genitalbereich. Du bist kein Junge. Du hast einfach nur einen Schuss. Er drückte sein Gesicht in das grüne, flauschige Kissen auf seinem Bett. Normalerweise war es flauschig. In letzter Zeit war es immer mehr verkrustet, durch das Tränen-Rotz-Gemisch, das er regelmäßig von sich gab. Iss was, riet ihm eine weitere Stimme, so leise, dass sie kaum zu hören war, unter dem Gejohle und Gebrülle der anderen. Sonst merken die anderen was. Seufzend setzte er sich auf und rieb sich das Gesicht trocken. Er konnte spüren wie es glühte, wie es schrie: Seht mal, hier hat jemand geweint. Er tastete nach seinem schwarzen Pulli, den er am vergangenen Abend auf seinen Schreibtischstuhl gehängt hatte. Gestern Abend war er noch so glücklich gewesen, nichts schien seine Laune trüben zu können. Doch nach der Himmelfahrt kommt IMMER der Fall, ausnahmslos. Er streifte sich den Pullover über und zog seine Kapuze auf, um die braunen, für seinen Geschmack viel zu langen Haare zu verdecken. Seine Füße trugen ihn nur widerwillig in die Küche, die viel zu hell war, für seinen Geschmack. Seine Mutter saß auf dem Boden, schnitt etwas aus Zeitschriften aus. Er fragte nicht nach. Stattdessen griff er in den Kühlschrank und nahm das erstbeste, was ihm in die Finger kam. Eine Packung Cheddar. „Leg den Käse wieder zurück in den Kühlschrank, wenn du ihn nicht ganz aufisst.“, sagte seine Mutter und sah ihn an. Er blickte nicht in ihre Richtung, sondern konzentrierte sich auf den blau-orangenen Aufdruck. „Mhmm.“, brummte er und verschwand wieder in sein Zimmer. Seine Mutter blickte ihm besorgt hinter her. Auf dem Boden vor ihr lagen verschiedene Zeitschriften, die sie seit der Beichte ihres Kindes angesammelt hatte. Alles Artikel über das Anders-Sein. Sie lehnte sich einen Moment an den Küchenschrank und versuchte Luft zu bekommen. Jede Begegnung mit ihrem Kind warf sie wieder zurück. Sie dachte an das kleine Baby vor fünfzehn Jahren, mit den dunkelbraunen Locken, wie es zufrieden in dieser Küche in dem Kinderstühlchen saß, am Kauring biss, während sie kochte. Sie erinnerte sich sogar noch an die Radiosendung an dem längst vergangenen Tag. Manchmal wünschte sie sich zurück in diese Zeit, aber sie war trotz allem froh, dass schon über ein Jahrzehnt vergangen war, als der Vater des Kindes sie verlassen hatte. Vielleicht liegt es daran, überlegte sie. Vielleicht liegt es daran, dass er sie schon so früh verlassen hatte. Sich einfach eine andere Freundin genommen hatte. Dann war es nicht ihre Schuld, dass ihr Kind auf einmal lieber Tim genannt werden will, anstatt Lisa. Dann war es nicht ihre Schuld, dass ihr Kind sich in der vergangenen Woche, als sie nicht daheim war, einen Kurzhaarschnitt verpasst hatte. Seitdem trug Lisa Mützen. Die Mutter weiß, dass ihr Kind Angst hat, vermutlich mehr Angst als sie selbst. Aber die Mutter weiß nicht wie sie helfen kann. Ein Teil von ihr will gar nicht helfen. Ein Teil von ihr will, dass Lisa wieder lange Haare hat, dass Lisa wieder BHs trägt, anstatt Mullbinden aus dem Verbandskasten zu klauen und sich die Brust abbindet. Ein Teil von ihr will, dass Lisa wieder die Alte ist. Aber der andere Teil weiß, dass es so nicht funktioniert. Sie seufzte und blickte auf den Buchstabensalat vor sich. New York Times Roman lag zusammengewürfelt mit Sans Comic vor ihren Füßen herum und warteten darauf in einen Ordner geheftet zu werden, auf den dann feinsäuberlich der Titel LGBT* geklebt werden würde. Sie weiß eine Menge über diese spezielle Art von Randgruppe. Sie scheut sich nicht mit ihren Freunden darüber zu reden, aber dass sie selbst so etwas mit Lisa erleben würde, hätte sie nie gedacht.

In einem anderen Raum in derselben Wohnung saß ein kleiner, braunhaariger Junge mit einem MP3-Player in der Hand auf einem großen, roten Sessel und lauschte angestrengt der Stimme von Rufus Beck, der die Geschichte von Harry Potter erzählte. Er legte das technische Gerät auf seinen linken Oberschenkel, um mit beiden Händen die Käsepackung zu öffnen. Ein lautes Ratsch ertönte und der Junge verspürt einen brennenden Schmerz. Warmes Blut läuft aus einem länglichen Schnitt an seiner linken Hand. Er drückt die Handfläche nur an den Pulli, schon fast routiniert. Bald würde der jetzt noch frische Schnitt verheilen und dann eine Narbe sein, die eine Geschichte über Käse auf seiner Haut erzählte. – Etwas ungeschickt mit der rechten Hand holte er eine Käsescheibe aus der quadratischen Packung und begann diese zu falten. Ein Ritual: Bevor er Käse ist, muss er ihn falten, dass war schon immer so. Er schob sich das orangene Milchprodukt in den Mund und legte die Packung beiseite. Im Schneidersitz trommelte er auf seinen Knien herum, verspürt keinen Schmerz mehr in seinem Kopf, da jetzt alles sich auf seine Hand richtet. Vielleicht sollte auf diesen Schnitt ein Pflaster drauf, gab die leise Stimme zu denken. Ach was, tönte die laute, hohe Stimme. Ist doch nicht so schlimm, dass Mama was davon erfährt. Nie ist etwas so schlimm, dass Mama davon erfährt, denkt Tim und drückt Pause.

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